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Kryptowährungen Am Besten Erklärt 2021

“Spekulation bleibt Spekulation, egal welche Technologie oder Währung dahinter steckt” – Thomas Dünser über Blockchain und sicheren Rahmen für die digitale Wirtschaft

Dez 30, 2022

Die Blockchain- und Kryptobranche wächst und verändert sich weltweit ständig und das Fürstentum Liechtenstein bildet da keine Ausnahme. Das sechstkleine Land, das in der Mitte Europas zwischen der Schweiz und Österreich liegt, erregte schon früh die Aufmerksamkeit der internationalen und insbesondere der europäischen Krypto-Community. Bereits 2019 verabschiedete Lichtenstein als eines der ersten Länder der Welt eine spezielle Gesetzgebung zur Blockchain, nämlich das Gesetz über Token und vertrauenswürdige Technologie-Dienstleister (auch TVTG oder Liechtensteiner Blockchain-Gesetz), das seit Anfang 2020 in Kraft ist und eines der weltweit ersten sicheren und regulierten Umgebungen für Token-bezogene Dienstleistungen etabliert hat.

Seit 2020 nimmt die Zahl der Dienstleister im Fürstentum Liechtenstein zu, da die Unternehmen hier optimale Bedingungen vorfinden, um ihre Krypto-Geschäfte aufzubauen und zu entwickeln. Die hohe Regulierungssicherheit des TVTG und die direkte Kommunikation mit der lokalen Finanzmarktaufsicht FMA tragen ebenfalls zu diesem kryptofreundlichen Umfeld bei.

Was macht Liechtenstein noch so besonders und anziehend für Krypto-Dienstleister? Wird die kommende “Markets in Crypto Assest”-Regulierung (MiCA) kompatibel mit dem liechtensteinischen “Token-Gesetz” sein? Plant die liechtensteinische Regierung nach dem FTX-Kollaps eine Verschärfung des Blockchain-Gesetzes? 

Diese Fragen hat Cointelegraph auf Deutsch Dr. Thomas Dünser gestellt, dem Leiter der Stabsstelle für Finanzplatzinnovation und Digitalisierung des Fürstentums Liechtenstein. Zuvor war Dünser Berater des Regierungschefs im Ministerium für Präsidiales und Finanzen und hat in dieser Rolle unter anderem die Entwicklung und Umsetzung des TVTG geleitet. 

Cointelegraph auf Deutsch: Der Finanzplatz Liechtenstein will beim Thema Fintech und Blockchain-Technologie ganz vorne mitspielen. Was tun Sie konkret, um die Branche im Fürstentum zu fördern?

Thomas Dünser: Fintech und Blockchain stehen für mich für eine große Umwälzung der Finanzbranche, die durch Technologie mit einer Innovationskraft vorangetrieben wird. Im hochregulierten Finanzsystem ist Innovation viel komplexer und mühsamer, als es von außen scheint.

In den letzten 8 Jahren haben wir deshalb auf verschiedenen Ebenen die Innovation am Finanzplatz stimuliert: Zum ersten arbeiten wir seit vielen Jahren an den “weichen” Faktoren, wie Förderung der Innovationskultur, des aktiven Wissensaufbaus und -transfers, eines Fintech-Ökosystems und so weiter. Zum zweiten haben wir Strukturen geschaffen, die Innovation am Finanzplatz erleichtern sollen, wie die Stabsstelle für Finanzplatzinnovation und Digitalisierung (SFID) und das Regulierungslabor bei der FMA. Wir sind offen für den Dialog mit innovativen Unternehmen und helfen so gut wie es geht bei der Umsetzung der Innovation. Unsere Behörden haben in den letzten acht Jahren ein solides Fintech-Wissen aufgebaut, so dass Unternehmen oft Ansprechpartner auf Augenhöhe haben. Zum dritten haben wir einen staatlichen Innovationsprozess zur Weiterentwicklung der rechtlichen Rahmenbedingungen eingeführt. Durch regulatorische Eingriffe, wie zum Beispiel das Token-Gesetz, soll die Innovation durch Rechtsklarheit unterstützt werden.

CT: Welches Potential sehen Sie persönlich in der Blockchain? Mit welchen Risiken muss man sich befassen?

Thomas Dünser: Die Blockchain ist für mich eine der wichtigen Grundlagentechnologien für die digitale Transformation des Finanzsektors und der Realwirtschaft. Ihre Innovationskraft ist enorm und wird aus meiner Sicht immer noch von Vielen massiv unterschätzt. Allerdings ist die Blockchain wie jede Technologie ein Werkzeug und kann sowohl für gute als auch für schlechte Anwendungen eingesetzt werden. Die Blockchain kann helfen, bestimmte Risiken zu eliminieren, führt aber wie jede neue Technologie auch zu neuen Gefahren und Herausforderungen. Beispielsweise bleibt Spekulation Spekulation, egal welche Technologie oder Währung dahintersteckt.

CT: Das Token- und VT-Dienstleister-Gesetz, kurz TVTG oder das Token- bzw. Blockchain-Gesetz, wurde bereits 2019 verabschiedet. Damals gab es noch keine DeFi-Anwendungen oder NFTs in einem Umfang wie jetzt, was eine raschere Rechtsentwicklung fordert. Wie geht Liechtenstein mit diesem Ausmaß der Innovationen um?

Thomas Dünser: Weder der Trend zur Dezentralisierung noch zu NFTs kommt unerwartet. Wir haben das TVTG bereits im Jahr 2016 so konzipiert, dass diese Entwicklungen umfasst sind. Mit unserem Zivilrecht für Token haben wir die Basis für eine sehr breite Palette von Tokenisierungen geschaffen, die sogar auch über die NFTs hinausgehen. Wir haben bei der Gesetzgebung bewusst versucht, weit über die aktuellen Use-Cases der Blockchain hinauszudenken. Deshalb gehe ich nicht davon aus, dass wir hier so bald neu regulieren müssen.

Den Trend der Dezentralisierung haben wir im TVTG über eine innovationsoffene Regulierung berücksichtigt. Das TVTG ist aus diesem Grund prinzipien- und rollenbasiert – als Gegenmodell zur sonst üblichen regel- und geschäftsmodellbasierten Regulierung. Gemäß der Philosophie des TVTG sollen Tätigkeiten regulatorischen Anforderungen unterworfen werden, wenn sie Risiken für Nutzer bergen – unabhängig davon, in welchem Geschäftsmodell sie erbracht werden. Dabei müssen die Anbieter von Diensten selbst überlegen, wie sie die Risiken reduzieren, ob mit Technologie oder Personalressourcen. Das TVTG ist bewusst technologieneutral konzipiert.

Angesichts der hohen technologiegetrieben Innovationsdynamik und der systembedingten Trägheit des Rechtssystems ist die Fähigkeit zur Innovation des Rechtssystems zentral. Ohne diese Fähigkeit bremsen wir nicht nur die Innovationstätigkeit, sondern sind einer erheblichen Rechtsunsicherheit ausgesetzt. Beides kann nicht im Sinne von Staaten sein. In Liechtenstein haben wir deshalb seit 2014 ein Innovations-Framework mit dem bereits erwähnten staatlichen Innovationsprozess und dem Regulierungslabor bei der FMA aufgebaut. Es hat sich seither aus meiner Sicht sehr bewährt, ohne dass ich behaupten würde, dass wir am Ende des Wegs angekommen sind. Doch da im EWR die wichtigen Finanzmarktgesetze europäisch definiert sind, bräuchte es meiner Ansicht nach analoge Strukturen im europäischen Regulierungssystem. 

CT: Können Sie schon konkrete Beispiele nennen, inwiefern das Token-Gesetz, das seit 2020 gilt, die lokale Blockchain- und Kryptobranche positiv beeinflusst hat?

Thomas Dünser: Im Jahr 2016, als wir mit dem Regulierungskonzept angefangen haben, war die Blockchain- und Kryptobranche weltweit mit einer enorm großen Unsicherheit konfrontiert. In dieser Situation war bereits die Kommunikation, dass die Regierung Blockchain als Zukunftstechnologie betrachtet, eine kleine Sensation. Mit der Publikation des Gesetzesvorschlags war auch bereits klar ersichtlich, wie Liechtenstein Token behandelt. Allein die Klärung, dass nicht alle Token als Finanzinstrumente zu betrachten sind, hat enorm viel freigesetzt. Wir nennen diesen Ansatz “Token Container Model”, da für die Rechtswirkung das tokenisierte Recht oder der Vermögenswert und nicht die Tokenisierung als solches maßgeblich ist. Dadurch gab es wiederum eine größere Rechtssicherheit über die Anwendung der Finanzmarktgesetze. Diese Kombination hat zu einer positiven Reaktion der Branche geführt.

Sehr wichtig war zudem das Zivilrecht für Token: Die Token-Definition, die Regelung von Besitz und Eigentum am Token und die Delegations- und Übertragungsregeln haben nicht nur die grundlegenden Rechtsfragen geklärt, sondern die Basis für die Nutzung von Token durch etablierte Finanzinstitute gelegt.

Man darf aber auch nicht die Bedeutung der Semantik des Token-Gesetzes vergessen: Es hat einen gemeinsamen Sprachraum geschaffen, der die Voraussetzung für die Entwicklung einer regen fachlich fundierten Diskussion in Wissenschaft und Praxis war. Auf diese Diskussion konnten sich sowohl Behörden als auch Marktteilnehmer stützen. Der Wissensaufbau und -transfer hat davon enorm profitiert.

CT: Sie waren verantwortlich für die Entwicklung und Umsetzung des Token-Gesetzes. Warum war es Ihnen wichtig, sich für Krypto-Regulierung einzusetzen?

Thomas Dünser: Die einfache Antwort ist: Es ist meine Aufgabe, Innovation durch die Schaffung von Rechtssicherheit zu unterstützen. Als die ersten Blockchain-Anwendungen zu mir kamen, war mir rasch klar, dass wir es mit einer kraftvollen Technologie zu tun haben, die das Potential hat, die Architektur des Finanzsystems komplett zu ändern, gleichzeitig aber viele rechtliche Grundsatzfragen aufwirft. Mit der frühen Regulierung wollten wir sicherstellen, dass der Finanzplatz Liechtenstein an dieser Entwicklung teilhaben kann.

Es gibt aber auch eine persönliche Komponente: Viele Blockchain-Pioniere, die ich in den letzten Jahren getroffen habe, sind im Kern “Welt-Verbesser”, das heißt, sie möchten dank der Blockchain eines der vielfältigen Probleme der Menschheit lösen. Ich finde, es kann nicht sein, dass diese positive Energie blockiert wird, weil unsere Regulierungssysteme auf alten Strukturen basieren. Man muss sich aber bewusst sein, dass es nicht nur Weltverbesserer gibt, sondern auch Leute, die die Technologie zu ihren Gunsten ausnutzen. Regulierung soll nicht nur Missbrauch verhindern, sie ist quasi auch zum Schutz der guten Ideen notwendig.

CT: Als EWR-Mitglied muss Liechtenstein die EU-Regulierungen automatisch übernehmen, inklusive der kommenden Richtlinie “Markets in Crypto Assets” (MiCA). Wird MiCA kompatibel mit dem liechtensteinischen “Token-Gesetz” sein?

Thomas Dünser: MiCA und das Token-Gesetz sind gut kompatibel. Wir haben damit gerechnet, dass die Finanzmarkttätigkeiten durch die EU geregelt werden und können so unser Rechtssystem weiterentwickeln.

Wir müssen aber zwischen dem zivilrechtlichen und dem aufsichtsrechtlichen Teil unterscheiden: MiCA umfasst nur die aufsichtsrechtlichen Komponenten. Jeder Mitgliedsstaat muss die zivilrechtlichen Fundamente selbst klären. Mit dem Token-Gesetz hat Liechtenstein einen umfassenden und robusten Rechtsrahmen für alle Arten von Tokenisierungen, von Aktien-Token, anderen Kryptowerten bis hin zu NFT und weiteren tokenisierten Rechten. Der zivilrechtliche Teil hat auch in Zukunft eine große Bedeutung.

Aufsichtsrechtlich basiert das Digital Finance Package der EU auf denselben konzeptionellen Überlegungen wie das Token-Gesetz, dem “Token-Container-Model”. Die Subsumierung von Wertpapier-Token unter die bestehende Finanzmarktregulierung haben wir in Liechtenstein bereits so praktiziert. Zum Beispiel wurden die ersten europäisch regulierten Wertpapierprospekte in Liechtenstein bewilligt, wie auch die tokenisierten Fondsanteile von europäischen Investment-Funds. Das Pilot Regime zu den DLT-Handelsplattformen ist für diesen Bereich eine gute Ergänzung, weil dadurch der Sekundärhandel von Wertpapier-Token ermöglicht bzw. klargestellt wird.

MiCA schafft zusätzlich einen neuen Rechtsrahmen für die anderen neuartigen Kryptowerte. Das Token-Gesetz ist viel umfassender als MiCA konzipiert, das ganz spezifische Finanzmarkttätigkeiten, zum Beispiel Handelsplattformen für Kryptowerte, regelt. Die neu von MiCA regulierten Dienstleister müssen in Zukunft nicht mehr im Token-Gesetz reguliert sein.

CT: Das Blockchain-Gesetz wurde früher als die MiCA herausgearbeitet. War TVTG ein Beispiel bzw. eine Orientierungshilfe für die Europäische Kommission, die MiCA 2020 eingeführt hat? Haben die liechtensteinischen Regulierer und die EU-Regulatoren bei MiCA zusammengearbeitet?

Thomas Dünser: Die EU-Kommission hat sich bereits früh mit Blockchain beschäftigt und auch Regulierungsfragen diskutiert. Das TVTG war das erste Beispiel für eine umfassende Regulierung von Blockchain und wurde durch die EU-Kommission wohlwollend aufgenommen. Die EU-Kommission sieht wie Liechtenstein – neben den Finanzmarktanwendungen – die Token Economy als große Chance für Europa. Die Erfahrungen aus Liechtenstein waren deshalb relevant und es gab einen regen Austausch.

Man kann viele regulierungsphilosophische Übereinstimmungen zwischen dem TVTG und MiCA erkennen: Das Token-Container-Modell, die rollenbasierte und zu Teilen auch prinzipienbasierte Regulierung, die Offenheit für Innovationen.

CT: Was denken Sie über die Pleite der Kryptobörse FTX und die Zahlungsunfähigkeit von Krypto-Kreditgebern wie BlockFi, Celsius sowie Three Arrows Capital? Bedeuten derartige Zusammenbrüche von zentralisierten Krypto-Anbietern, dass künftig andere Lösungen gefragt sein könnten, zum Beispiel Decentralized Finance (DeFi)?

Thomas Dünser: Krypto wurde eigentlich entwickelt, um die Probleme der zentralisierten Finanzmarktarchitektur zu lösen. Es ist schon fast ironisch, dass Kryptowerte nun von zentralen Strukturen verwendet werden und wir dieselben Probleme wie im klassischen Finanzmarkt sehen – nur teilweise ohne die dafür notwendigen regulatorischen Systeme.

Die Entwicklungen rund um DeFi sind deshalb grundsätzlich sehr interessant. Aber es wäre aus meiner Sicht vermessen, DeFi mit “risikolos” gleichzusetzen. Wie bei zentralisierten Anbietern hängt das Risikoprofil immer von der konkreten Umsetzung ab. Es gibt sowohl bei DeFi als auch bei zentralen Krypto-Anbietern risikoreichere und risikoarme Ausführungen. Die Antwort auf die Zusammenbrüche im Kryptobereich kann deshalb nicht einfach nur “Dezentralisierung” als Selbstzweck sein. Wir müssen darauf achten, dass risikoarme Strukturen aufgebaut werden, egal ob sie dezentral oder zentralisiert sind.

Unabhängig davon sollten Nutzer von Krypto genau hinschauen, wem oder was sie ihr Vermögen anvertrauen und wie sie ihr Geld anlegen. Ohne ein Mindestmaß an Risikobewusstsein werden wir immer wieder in die gleichen Fallen tappen. Aus meiner Sicht wäre die Verbesserung der finanziellen Bildung der allgemeinen Bevölkerung das wirksamste Mittel zur Vermeidung von Betrug oder von übermäßigen Anlageverlusten. Gerade im direkt zugänglichen Kryptobereich, in dem noch eine zusätzliche technologische Komplexität dazukommt, wären solche Bildungsangebote elementar.

CT: Planen Sie nach dem Crash der Kryptobörse FTX eine Verschärfung der Regulatorik rund um den Kryptomarkt? Erwarten Sie solche Maßnahmen von anderen Ländern?

Thomas Dünser: Das Risiko des Missbrauchs von Kunden-Vermögen war uns bei der Konzipierung des Token-Gesetzes bewusst. Deshalb haben wir die Verwahrung von Token reguliert und zudem die gesetzliche Trennung im Konkursfall vorgeschrieben. Damit haben wir ein ähnlich hohes Schutzniveau, wie wir es im Wertpapierbereich kennen, aufgebaut. Grundsätzlich sind wir in Liechtenstein also schon sehr weit. Dennoch prüfen wir, ob gewisse Adjustierungen notwendig sind.

Allerdings sehe ich größere Herausforderungen beim Staking oder dem Borrowing und Lending von Kundentoken durch Kryptobörsen, das in vielen Jurisdiktionen nicht reguliert ist. In der EU zum Beispiel ist die Regulierung für Kreditinstitute, welche für ähnliche Tätigkeiten mit Geld eingerichtet ist, nicht auf Kryptodienstleister anwendbar. Auch MiCA deckt diese Thematik zumindest noch nicht ab. Diese Regulierungslücke müsste aus meiner Sicht dringend geschlossen werden. Wir verfolgen und begleiten diese Entwicklung aufmerksam und sind auch bereit zu handeln.


Quelle: Coin Telegraph

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